Kindersicherung fürs Internet.

Virtuell unbedarfte junge Menschen können im Internet leicht zu Zielscheiben von Mobbing, Extremismus und sexueller Gewalt werden. Forscher und Schutzorganisationen arbeiten intensiv an Hilfestellungen.

© RISC Software

Wenn die Ferienzeit naht, schaltet sich bei vielen Eltern oftmals ein ungutes Gefühl ein: Kinder und Jugendliche genießen ihre verdiente Freizeit, und das eben auch vermehrt im Internet und in sozialen Medien. Dort ist es schwierig bis unmöglich, ein wachsames Auge auf den Nachwuchs zu haben. Im digitalen Umgang ungeübte Jung-User treffen dabei oft auf Menschen, deren Hemmschwelle wegen der virtuellen Anonymität besonders niedrig ist. „Jugendliche sind in digitalen Medien besonders häufig mit vielfältigen Formen von Gewalt konfrontiert“, heißt es in der Selbstbeschreibung des geförderten Projekts Zivilcourage 2.0 von Leiterin Ulrike Zartler und Christiane Atzmüller, beide vom Institut für Soziologie der Universität Wien.

Die Problemfelder umfassen massive Beleidigungen und Beschimpfungen, Hasspostings auf Social-Media-Profilen, Erpressungen durch die angedrohte Weitergabe von intimen Bildern oder Videos, Einschüchterungen und  Stalking, öffentliche Bloßstellung durch Falschmeldungen oder missbräuchliche Verwendung von persönlichen Social-Media-Accounts, Belästigungen durch ungewollte Konfrontationen mit Schockvideos oder mit pornografischen Inhalten bis hin zu physischen Gewaltandrohungen.

Das Projekt, das noch bis Ende Februar 2019 läuft, bemüht sich vor allem, die Zivilcourage unter den Zeugen von digitaler Bedrohung und Mobbing zu fördern. Diese sogenannten Online-Bystander könnten den Konfliktverlauf entscheidend beeinflussen, heißt es in einem Projekttext, der update vorliegt. Entweder können sie die belastende Situation verstärken und etwa entwürdigende Bildern oder Videos weiterverbreiten, oder sie setzen sich für die betroffene Person ein und stoppen die Tat oder stehen dem Opfer zumindest bei. Zudem fallen gerade Onlineübergriffe in einen Bereich, in dem sich Kinder und Jugendliche noch seltener an Erwachsene wenden als bei Offlinevorkommnissen.

Oftmals Resignation

Bisherige Studien zeigen aber, dass jugendliche Zeugen dazu neigen, solche Vorfälle zu ignorieren oder nicht zu handeln. Als erster Schritt zur Ausarbeitung eines Interventionsrepertoires beziehungsweise eines Informations-, Schulungs-und Trainingsangebotes wurden zuerst einmal die zentralen Schlüsselfaktoren herausgearbeitet, die Online-Zivilcourage hemmen: So können Jugendliche nur schwer erkennen, ob es überhaupt einen Grund zum Eingreifen gibt: Ist das ganze nur Spaß? Fühlt sich das Opfer überhaupt betroffen? Gerade Letzteres ist schwierig: öffentliches Um-Hilfe-Bitten erscheint aus Sicht Jugendlicher als armselig und kontraproduktiv, heißt es im Studientext. Sich als Opfer ohne Statusverlust öffentlich zu wehren gelinge am ehesten, wenn man zeigt, dass man Angriffe nicht ernst nimmt oder „gut kontert“ – allerdings verlangt das auch entsprechende Stärke und Kompetenz des Opfers. Zudem spielt der persönliche Bezug eine große Rolle: Die befragten Jugendlichen berichteten, sich zwar für Freunde einzusetzen, aber nicht für fremde Personen. Zudem „herrscht offenbar Einigkeit darüber, dass man im Umgang mit Onlineübergriffen sowohl als betroffenes Opfer als auch als Bystander weitgehend allein damit zurechtkommenmuss“, heißt es weiter. Weiters wird immer wieder angeführt, eine Intervention komme ohnehin zu spät, sei wirkungslos oder zu mühsam. Jugendliche würden auch scheuen, als Spaßbremse dazustehen oder durch Eingreifen selbst zum Opfer zu werden – verschärft durch die Tatsache, dass jede Art der öffentlichen Intervention permanent verfügbar bleibt. Das Internet vergisst nichts.

Ein weiteres vom Wirtschaftsministerium gefördertes Projekt ist E-Youth.works, das sich mit Jugendlichen als besonders vulnerabler Zielgruppe von über Internet und neue Medien verbreiteter extremistischer Propaganda beschäftigt. Projektleiterin Hemma Mayrhofer vom Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie erklärt gegenüber update: „Unser Forschungsprojekt hat den Hauptschwerpunkt auf Offener Jugendarbeit.“ Man habe aber sehr wohl auch erhoben, welche Risiken die Jugendarbeiter bei den Nutzern ihrer Angebote sehen. Ein erstes Ergebnis zeigt noch einige Mängel im Mediennutzungsverhalten der Jugendlichen.

Jugendarbeiter und Leitungspersonen wurden nach ihren Einschätzungen zum Medienverhalten und der Medienkompetenz ihrer jugendlichen Nutzer gefragt. Insgesamt 70 Prozent der Befragten bescheinigen den Jugendlichen eine hohe technische Medienkompetenz, sie bewerteten die entsprechende Aussage mit „trifft sehr zu“ oder „trifft eher zu“. 55 Prozent beobachten bei den Jugendlichen die Kompetenz, benötigte Informationen im Internet zu finden (18 Prozent der Antworten bei „trifft sehr zu“, 37 Prozent bei „trifft eher zu“). Relativ gering wurde dagegen die Kompetenz zur Quellenkritik beziehungsweise zum Hinterfragen von Onlineinformationen und -daten eingeschätzt.

Unhinterfragt, manipuliert

Die große Mehrheit von insgesamt 93 Prozent beobachtet, dass Jugendliche, mit denen sie in ihrer Einrichtung in Kontakt steht, vieles unhinterfragt glauben, was sie in den Online- beziehungsweise sozialen Medien sehen oder lesen (55 Prozent der Antworten bei „trifft sehr zu“, 38 Prozent bei „trifft eher zu“). Zudem schätzten nur 13 Prozent der befragten Vertreter Offener Jugendarbeit die Kompetenzen als tendenziell ausreichend ein. Nur geringfügig höher wird das Bewusstsein bezüglich Manipulationsrisiken im Netz oder in sozialen Medien eingestuft, hier nehmen in Summe 22 Prozent ein entsprechendes Wissen wahr (drei Prozent „trifft sehr zu“, 19 Prozent „trifft eher zu“). Diese Punkte machen Jugendliche anfällig für radikalisierende Tendenzen, vor allem, was Bild- und Videomaterial betrifft. Gerade diese Formate, die sich über das Netz völlig unkompliziert verbreiten lassen, „besitzen eine hohe Überzeugungskraft – und ihnen kommt große Bedeutung bei der Verbreitung extremistischer Inhalte zu, wie auch die Ergebnisse dieser Umfrage unterstreichen“, heißt es in einem update vorliegenden Working Paper. In den aus diesen Zwischenergebnissen abzuleitenden Maßnahmen wird stark betont, dass sich Jugendarbeiter mehr Kompetenzen zur Arbeit mit und in sozialen Medien aneignen müssen. Dafür braucht es zum einen die nötigen Rahmenbedingungen in wissensbezogener, methodischer und ressourcenmäßiger Hinsicht, zum anderen aber auch Eigeninitiative und Selbstreflexion im Tun als Jugendbetreuer.

Denn diese hätten eine große Chance, heißt es in dem Zwischenbericht – gerade was sonst schwererreichbare Zielgruppen betrifft. „Jugendliche, die sich im Internet in sogenannten Blasen oder Echoräumen bewegen, laufen in verstärktem Maße Gefahr, geschlossene und polarisierte Weltbilder zu entwickeln und zu verfestigen. Analog zur mobilen Jugendarbeit offline, welche gezielt den Kontakt zu schwer erreichbaren Zielgruppen sucht, könnte – unter Wahrung fachlicher und ethischer Prinzipien – über Möglichkeiten von Online-Streetwork nachgedacht werden, um Zugang zu Internetblasen zu erlangen und dort extremistische Einstellungen und Meinungsbildung zu hinterfragen und herauszufordern.“

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