Die dunkle Bedrohung: Big Data in der Politik.

Die Spindoktoren politischer Parteien verwenden Big Data wie eine Waffe, um Wählerstimmen zu maximieren. Das Prinzip ist nicht neu, die Risiken im digitalen Umfeld aber umso stärker.

© geralt - Pixabay

Cathy O’Neil hat eine Karriere als angepasste Amerikanerin mit guter Ausbildung hinter sich. Zuerst promovierte die Mathematikerin in Harvard, wurde nach dem Studium Dozentin und arbeitete schließlich als Hedgefonds-Managerin. Doch dann schmiss sie den Job, engagierte sich bei der Protestbewegung Occupy Wallstreet und wurde eine der weltweit profiliertesten Kritikerinnen der Digitalbranche. Der Fachterminus „Weapons of Math Destruction“ wurde von O’Neil erfunden und beschreibt, woran die berufliche Aussteigerin, die heute als Autorin und Bloggerin in New York lebt, glaubt – dass Algorithmen nämlich zu einer der großen Bedrohungen unseres Jahrhunderts werden könnten. Mit ihnen würde, fürchtet sie, die hohe Kunst der Mathematik als Waffe benutzt und könnte sogar ganze Demokratien aushebeln. Vor allem das relativ neue Tool des „Microtargeting“ – also des Herausfindens, wer was wann wo und wie worüber denkt – sei höchst bedenklich, glaubt O’Neil, die unter dem Titel „Angriff der Algorithmen“ ein Buch zum Thema geschrieben hat und Speakerin beim Werbeplanung. at SUMMIT des Manstein Verlags ist (summit.werbeplanung.at).

Superwaffe Microtargeting

Microtargeting ist so etwas wie die neue Superwaffe der politischen Kommunikation. Damit lassen sich bestimmte Wählergruppen – im Extremfall sogar heruntergebrochen auf einzelne Personen – ganz gezielt auf ihre Interessen hin abchecken und ansprechen. Algorithmen spähen dabei das Onlineverhalten von Personengruppen aus, die üblicherweise rund 30 bis 40 Menschen umfassen – und analysieren, was sie kaufen, welche Websites sie besuchen, was sie sich im Web ansehen und wie sie sich verhalten, was sie auf Facebook liken oder auf Twitter und Instagram posten und so weiter. Dann stecken sie diese Menschen in Marketing- Schubladen und ordnen ihnen Themen zu, mit denen sie später beim Wählerfang gezielt angesprochen werden. In Österreich ist hier vor allem die runderneuerte ÖVP von Bundeskanzler Sebastian Kurz führend, drei Viertel der Onlinespendings gingen im vergangenen Nationalratswahlkampf an die Kommunikation via Facebook, wo das zielgerichtete Microtargeting am einfachsten durchzuführen ist.

Auch die FPÖ versucht seit einiger Zeit, ihre – meist wenig gebildete – Klientel mit echten oder auch nur fast echten gezielten Informationen über Facebook auf Linie zu bringen und bei Laune zu halten. Leadfeeder ist eines der Haupttools, die Microtargeting über Facebook ermöglichen. Das Programm gibt Informationen über Arbeitsplatz und Arbeitgeber von Besuchern der Website des Kommunikators preis, die sich über Facebook dort eingeklickt haben. Die Palette des Leadfeeder- Informationsangebotes reicht bis zum Bildungsgrad einzelner Web-User. Die Präferenzen für das eigene Targeting können bequem über ein in die Software integriertes Interface eingegeben werden. Ein anderes gängiges Tool ist Crazy Egg, das das User-Verhalten auf Facebook-Pages bis in die Tiefe analysiert. Andere Programme sind Salesforce, HubSpot oder Zapier, die auch in Kombination gut – und dann sogar besonders effizient – funktionieren.

Über das Web sind alle diese Tools, die meisten sogar in einer 30-Tage-Free-Trial-Version, einfach downloadbar. In ihrem Hintergrund laufen jeweils ausgeklügelte Algorithmen, die Informationen sammeln, abwägen und analysieren. Wer diese Tools verwendet, hat schon einmal ganz gute Karten in der Hand, um seine Informationen zielgerichtet und nach den jeweiligen User-Interessen gefärbt sowie an sie angepasst an den Mann oder an die Frau zu bringen. In der Politik und vor allem vor Wahlen ist so eine Chance ein unglaublicher Schatz, der Spindoktoren eine völlig neue, viel effizientere Art der Wähleransprache ermöglicht – und nicht mit Gold aufzuwiegen.

Nicht neu, aber gefährlich

So neu ist das alles dem Wesen nach an sich gar nicht. Denn dass Politiker unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Informationen geben, um sie für sich zu interessieren und idealerweise ihre Stimmen abzugreifen, ist alles andere als überraschend, das war immer schon so. Genau dafür gab es in der Vergangenheit, als Massenkommunikation noch über Massenmedien funktionierte, jedoch die Journalisten als Korrektiv, die diesen Prozess nach professionellen Gesichtspunkten zu moderieren hatten. Sie ordneten für die Leser Themen und Aussagen richtig ein, setzten sie in die nötigen Kontexte. In der modernen Kommunikation über neue Massenmedien wie Facebook sind Journalisten ausgebootet – und die Leser, die inzwischen zu Usern wurden, den Marketingbotschaften und Aussagen politischer Kommunikatoren unreflektiert und mehr oder weniger hilflos ausgeliefert. Das macht das politische Microtargeting so gefährlich: Menschen sind im Vergleich zu früher schneller, direkter und vor allem leichter zu manipulieren. Was in der Konsumwerbung funktioniert, schaut sich die Politik immer öfter ab. Wie meistens sind die USA dem Rest der Welt um einiges voraus. „Was dort abläuft, ist extrem“, behauptet Cathy O’Neil in ihrem Buch. In Deutschland – und wohl auch in Österreich – sei das noch nicht so schlimm. Aber auch hierzulande beginnen Politiker und Parteien, die Zauberkraft der Algorithmen für sich zu entdecken.

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