Algorithmen: Freund und Feind.

Algorithmen sind das Fundament der digitalen Welt – und stellen zugleich eine bedrohliche Gefahr für Demokratie und Gesellschaft dar.

© geralt - Pixabay

Irgendwann hatte Max Hawkins die Nase gestrichen voll. Der Google-Mitarbeiter hatte bemerkt, dasssein Leben zunehmend von Algorithmen bestimmt wird, die ihm basierend auf seinem bisherigen Verhalten Vorschläge für seine nächsten Schritte machen. Also entschloss er sich zu einem radikalen Schritt: Er programmierte Apps, die sein Leben per Zufall gestalten. Seine erste App dieser Art rief ein Uber, das ihn ohne sein Wissen an einen zufälligen Ort in San Francisco chauffierte; andere Apps spielten ihm zufällig YouTube-Videos oder Spotify-Songs ab oder wählten für ihn ein zufälliges Facebook-Event an seinem Wohnort aus: „Auf diese Art habe ich viele neue Leute kennengelernt“,sagt er.

Auf den ersten Blick sind solche Geschichten skurril und amüsant – haben jedoch zugleich einen ernsten Hintergrund: die Erkenntnis, dass Algorithmen zunehmend unser Leben bestimmen, mit allen Vor- und Nachteilen. Unumstritten ist dabei, dass Big Data und künstliche Intelligenz unser Leben deutlich vereinfachen. Digitalaffine Menschen diktieren ihren smarten Assistenten ihre To-do-Listen oder lassen sie gleich per Sprachanruf einen Termin beim nächsten Frisör reservieren, andere lassen sich vom Algorithmus aus Google Maps den kürzesten Weg in die Arbeit navigieren, von Facebook und Flipboard die Nachrichten des Tages präsentieren oder von Reiseplattformen  empfehlen, wann die Buchung des nächsten Flugs besonders günstig ist. Abseits dieser für den Menschen sichtbaren Errungenschaften erledigen Algorithmen viele

Dinge im Verborgenen, ohne dass diese für den Bürger sichtbar sind: Sie verwalten das Warenmanagement einer Supermarktkette, steuern die Heizung im smarten Zuhause und sorgen dafür, dass die U-Bahn pünktlich kommt.

Das Leben wird einfacher

Und auch die  Kommunikationsbranche kann von dieser Technologien profitieren – wie etwa Arno Scharl, Geschäftsführer von webLyzard, betont: Seine Software analysiert über Algorithmen öffentlich im Web verfügbare Informationen, um Stimmungen in den Zielgruppen und  Informationsflüsse zu untersuchen.

Ausgewertet werden dabei auch die am häufigsten verwendeten Schlagwörter sowie die dahinterliegenden Stimmungslagen; als Quelle dienen Onlinemedien ebenso wie Websites von Behörden und öffentliche Postings auf Social Networks. Eingesetzt wird dies unter anderem von der US-Klimabehörde NOAA sowie von gewinnorientierten Großkunden wie PwC und der Austrian Anadi Bank.

Scharl verweist auch darauf, um wie viel besser der Einkaufsprozess zum Beispiel bei Amazon dank Algorithmen ist: Theoretisch könnte man einen User targeten, indem man ihm viele Fragen stellt – oder man analysiert sein Einkaufsverhalten und schlägt ihm anschließend Produkte vor, die Menschen mit ähnlicher Kaufhistorie ebenfalls gekauft haben. Letzteres ist nicht nur für den Händler, sondern auch für den Kunden einfacher. „Algorithmen können das Leben einfacher machen“, lautet Scharls Fazit.

Stiehlt der Algorithmus meinen Job?

In all diesen Dingen kristallisiert sich die gleiche Erkenntnis heraus: Die Arbeit wird an Roboter übertragen, weil sie darin besser sind als Menschen – und das nährt die Angst davor, dass menschliche Arbeiter ihren Job an einen Algorithmus verlieren könnten. Untermauert wird dies etwa durch eine Studie des Beratungsunternehmens PwC, laut der auch in entwickelten Industrieländern das Rationalisierungspotenzial hoch ist: In den USA könnten der Studie zufolge 38 Prozent der Arbeitsplätze bis 2030 wegfallen, in Deutschland sind es 35 Prozent, im Vereinigten Königreich 30 Prozent und in Japan 21 Prozent.

Grund zur Panik? Mitnichten, sagen Vertreter der neuen Technologien mit Hinweis auf den Lauf der Geschichte: Neue Technologien haben bisher immer mehr neue Jobs gebracht. Die PwC-Studie verweist auch darauf, dass die meisten Jobs im Handel, in der Produktion und in der Administration wegfallen werden – weniger gefährdet sind den Unternehmensberatern zufolge Jobs im Bildungs- sowie im Finanz- und Versicherungsbereich. Bildung, so die Studienautoren, ist für das Individuum zugleich das A und O für die Sicherung des eigenen Arbeitsplatzes: Menschen mit Pflichtschulabschluss seien zu 46 Prozent gefährdet, Uni-Absolventen lediglich zu zwölf Prozent. Zugleich sind auch die hochqualifizierten Bürojobs nicht vor dem Angriff der Algorithmen gefeit – auch hier wird es Umbrüche geben beziehungsweise finden sie schon längst statt: etwa an den Börsen, wo unter dem Schlagwort „High Frequency Trading“ Algorithmen Aktien in Bruchteilen von Sekunden kaufen oder verkaufen – schneller, als jeder Mensch es könnte.

Als Basis dient der Software dabei jeweils die Information, welche sie von den Unternehmen und Märkten erhält: Verkündet ein Konzern in der Bilanz etwa einen Umsatz, der unter den Erwartungen der Analysten liegt, so verkauft die App sofort.

Wenn also selbst kognitiv anspruchsvolle Broker-Jobs von Algorithmen erledigt werden, wie weit wird der Siegeszug der Roboter noch gehen? Treffen künstliche Intelligenzen bald auch   schwerwiegende politische Entscheidungen? TU-Professor Stefan Szeider ist überzeugt, dass es den Robo-Politiker schon längst gibt – wenn auch in menschlichem Gewand: Denn Spindoktoren nutzen Meinungsanalysen, um ihre Politiker so zu briefen, dass ihre Aussagen genau zur Stimmungslage der jeweiligen Wählergruppe passen.

Gefahr für Politik und Gesellschaft

Zugleich macht der politische Einfluss der Algorithmen nicht beim Briefing von Politikern halt; ganze Wahlen und politische Referenden können mit deren Hilfe beeinflusst werden – Stichwort: Cambridge Analytica. Hier wurden über den mächtigen Facebook-Algorithmus an Mikrozielgruppen ebenjene Botschaften ausgespielt, die sie dazu bewegten, bei den US-Wahlen für Donald Trump zu stimmen. Der gleiche Algorithmus wurde mit dem Auftrag ausgestattet, Beiträge mit vielen Interaktionen zu belohnen, sodass die Verweildauer auf der Plattform erhöht wird. Das wiederum führt dazu, dass Onlinemedien sich an den Vorgaben des Facebook-Algorithmus orientieren und dazu passende Artikel produzieren, um im weltgrößten Social Network besser gerankt zu werden – die Siegesstunde der Clickbait-Produzenten. In anderen Fällen werden Algorithmen benutzt, um verzweifelten, armen Menschen Produkte zu verkaufen, die ihr Leben noch schlechter machen,was zu einem weiteren Auseinanderdriften der Gesellschaft führt – all dies sind Beispiele, mit denen Mathematikerin und Bestseller-Autorin Cathy O’Neil kritisch auf das Thema eingeht: Algorithmen können Wahlen manipulieren, Berufschancen zerstören und unsere Gesundheit gefährden, lautet ihr

Fazit

Und wie endete die Geschichte von Hawkins? Das Highlight in der App-Serie des  experimentierfreudigen Programmierers war schließlich eine App, die ihm Städte aussuchte, in denen er mit dem ihm zur Verfügung stehenden Budget leben konnte – was ihn zwei Jahre lang für jeweils zwei bis drei Monate in Metropolen wie Dubai und Mumbai, aber auch in die deutsche Stadt Essen verschlug. Der Ratschlag, den er aus seinem Selbstversuch den Menschen mitgeben kann: „Versuchen Sie, experimentell zu bleiben“, sagt er, „anstatt im vorgegebenen Pfad des Algorithmus gefangen zu werden.“ Das dürfte für das Individuum auf jeden Fall gelten – aber in gewissem Ausmaß auch für die Gesellschaft als Ganzes.

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