„5G ist ein Marathon“.

Im Interview mit updatedigital.at spricht Roman Friedrich, Telekomexperte der Boston Consulting Group, über die Vergabe der 5G-Lizenzen, die Auswirkungen auf den B2C- und B2B-Bereich und welche Hürden noch warten.

© Boston Consulting Group

Hinweis: Das Interview ist Teil der Coverstory von HORIZONT #11 vom 15. März 2019. Noch kein Abo? Dann klicken Sie hier.

updatedigital.at: Die ersten 5G-Frequenzen wurden in Österreich vergeben. In den Medien wurde Österreich als  Vorreiter genannt, weil es einer der ersten europäischen Länder ist, die die 5G-Frequenzen vergeben hat. Wie sehen Sie diesen Vorsprung?
Roman Friedrich: 5G ist ein Marathon. Es ist eine Technologie, die eine längerfristige Agenda hat. Einerseits ist es gut und sehr begrüßenswert, diesen ersten Schritt gemacht zu haben. Wir erwarten, dass wir dieses oder nächstes Jahr die ersten 5G Produkte erleben können. Gleichzeitig ist es aber auch so, dass wir die volle Anwendung von 5G erst in einigen Jahren sehen werden, innerhalb der nächsten drei bis vier Jahre. Somit ist es mehr als positives Signal an die Gesellschaft zu verstehen, dass man Digitalisierung in Österreich gezielt voran treiben möchte. Außerdem wurde das Spektrum in den Nachbarländern bereits vergeben (z.B. Italien, Schweiz) oder es wird in den nächsten Monaten passieren (z.B. Deutschland, Ungarn), somit ist der Vorsprung nicht groß.
 
updatedigital.at: Welche konkreten Auswirkungen darf man sich aus Sicht von Konsumenten und Unternehmen durch die Vergabe erwarten? Wie wird sich das Leben im B2C-Bereich dadurch in den kommenden 18 Monaten ändern?  
Roman Friedrich: Im B2C-Bereich wird sich nichts Radikales tun, dies ist ein weit verbreitetes Missverständnis im Markt. 5G wird oft mit viel Überschwang besprochen. Ja, viele technologische Neuerungen sind dadurch möglich – wir sprechen nebst höheren Übertragungsgeschwindigkeiten allerdings vor allem von niedrigen Latenzzeiten, das heißt die Reaktion Netzes ist eine sehr kurze. Die meisten Anwendungen, die wir im Privatbereich haben, brauchen diese kurzen Reaktionszeiten nicht – mit wenigen Ausnahmen wie zum Beispiel im Gaming. Am Massenmarkt werden die Auswirkungen jedoch nicht dramatisch sein. Allerdings ist das zusätzliche Spektrum und damit 5G nötig um das Datenwachstum der Kunden bewältigen zu können.

updatedigital.at: Und im B2B-Bereich? 
Roman Friedrich: Hier wird viel mehr Umwälzung stattfinden. 5G ist im B2B-Bereich ein Durchbruch, eine ganze Reihe von neuen industriellen Anwendungen, neue Produkte und Services werden dadurch möglich. Wir sehen die Änderungen durch 5G deutlich mehr im Geschäftsumfeld als im Privaten. Natürlich kommt mehr Geschwindigkeit in den Markt, den meisten Nutzern reicht jedoch 4G heute schon aus. 18 Monate sind im industriellem Umfeld kurz bemessen, denn es geht auch darum das Netz sicher und zuverlässig zu machen, was in B2B viel wichtiger ist als in B2C. Wir werden auf jeden Fall sehen, dass Industrieunternehmen die Technologie annehmen werden. Es wird sehr viel Nachfrage geben, 5G in die Fabriken zu bringen, um die Vorteile der niedrigen Latenzzeiten und die Vernetzung unzähliger Geräte reibungslos abzuwickeln. 5G ist in der Reaktion so schnell wie das menschliche Gehirn – die Latenz ist so gering, dass man daraus viele Vorteile für die industrielle Nutzung ableiten kann.
 
updatedigital.at: Welche Auswirkungen/Entwicklungen/Potenziale sehen Sie durch die 5G-Technologie im Medienbereich? 
Roman Friedrich: Die größte Auswirkung stellt die Erhöhung der Geschwindigkeiten dar. Eine der Hauptapplikationen im Medienbereich ist die Darstellung von bewegten Inhalten auf einem mobilen Gerät. Ist 5G breit ausgerollt, erlebt man dabei keine Performancedefizite mehr. Das Nutzererlebnis verbessert sich, dennoch sind die Anwender nicht unbedingt bereit, mehr Geld auf den Tisch zu legen. Das spricht nicht grundsätzlich gegen den Use Case, man muss aber über die Vermarktung nachdenken.
 
updatedigital.at: Wie wird sich die Werbewirtschaft durch 5G verändern und  möglicherweise auch Budgets verschieben?
Roman Friedrich: Hier ist keine dramatische Veränderung zu erwarten. Wir haben sehr wohl heute noch eine schwache Budgetallokation auf persönlichen Devices, TV und Print liegen noch vorne. Wenn man sich genau ansieht, wo der Verbraucher seine Zeit verbringt, dann sind das die persönlichen Endgeräte wie Smart Phones und Tablets. Budgets werden sich in Richtung dieser Geräte verschieben, besonders, wenn die Inhalte dafür personalisiert werden. Dies wird aber nicht unbedingt durch 5G getrieben, es ist eine Entwicklung, die wir ohnehin schon erleben und seit geraumer Zeit beobachten. 
 
updatedigital.at: Welche Hindernisse sehen Sie in Bezug auf die Einführung von 5G?
Roman Friedrich: Es gibt zahlreiche Problemfelder oder Hürden, die den Roll-out von 5G schwierig machen. Zum einen benötigt man für 5G deutlich mehr Standorte, wenn man das über sogenannte Small Cells macht, bis zu vier- oder fünfmal mehr als bisher. Das ist einer der größten Engpässe überhaupt, denn mehr Standorte bedeuten langwierige Genehmigungsverfahren, man braucht Plätze, an denen Basisstationen errichtet werden können. Heute gibt es schon zahlreiche Bürgerinitiativen, die sich dem entgegenstellen. Relativierend muss man anmerken, dass die 5G Basisstationen anders aussehen können als bei 4G. Sie können in Straßenlaternen integriert oder in Fußgängerzonen im Boden eingelassen werden. Es bedarf nach der Genehmigung zudem einer nicht unwesentlichen Bauleistung. Die Baukapazitäten dafür muss man finden – es gibt in Europa heute schon einen Engpass an Personal, welches die Basisstationen errichten und die Zuleitungen via Glasfaser legen kann. 

Zweitens müssen die Strahlungsgrenzwerte angepasst werden, die noch für ältere Antennen-Technologien spezifiziert sind. Die neuen, sogenannten aktiven Antennen, die mit 5G aufgebaut werden können, strahlen zeitlich und räumlich nicht regelmäßig und gleich stark, sondern würden eine feinere Steuerung erlauben.

Das dritte Hindernis ist die aktuell öffentlich und politisch geführte Diskussion, ob Huawei weiterhin zugelassen wird für den Aufbau digitaler 5G Netze. Es herrscht große Unsicherheit bei den Netzbetreibern – werden sie genug Ausrüstungskapazität zur Verfügung haben? Fällt Huawei oder ZTE weg, wird es Engpässe geben, die alternativen Spieler Ericson, Samsung oder Nokia stellen vermutlich zur Zeit nicht ausreichend Kapazität zur Verfügung.

Die vierte wesentliche Fragestellung ist, wie man 5G kommerzialisieren kann – und zwar auf eine Art und Weise, dass genug Geld für die Investitionen zur Verfügung steht. Gibt es genug Erlöse, um die 5G-Technologie letztendlich flächendeckend in den Markt zu tragen? Momentan ist nicht klar, woher das Geld kommen kann. Sind Verbraucher und Industrie bereit, dafür zu zahlen? Ist der Mehrwert durch 5G so klar, dass Geld dafür hingelegt wird? Wie bereits eingangs erwähnt, ist die Frage der Vermarktung eine nicht unwesentliche für einen erfolgreichen Launch von 5G.

Danke für das Gespräch!

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