Unser großer Bruder.

Im Prinzip sind die schlimmsten Horrorvorstellungen totaler Überwachung, zumindest theoretisch, längst Realität. Was George Orwell in seinem Roman „1984“ schrieb, klingt fast wie Kinderkram gegen das, was heute technisch möglich ist.

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Was der britische Autor George Orwell, der eigentlich Eric Arthur Blair hieß, in seinem berühmten, 1949 veröffentlichten Roman „1984“ schrieb, klang damals wie eine unvorstellbare, schreckliche Zukunft. Im echten Jahr 1984 atmete die Menschheit dann kollektiv und erleichtert durch, weil kaum eine von Orwells düsteren Zukunftsvisionen Wirklichkeit geworden war. Heute aber, im Jahr 2018, muss man sagen: Das, was Orwell an Überwachungsszenarien erfunden und beschrieben hatte, fühlt sich rückblickend fast ein wenig wie Kinderkram an. Denn möglich ist inzwischen, zumindest theoretisch und technisch, viel mehr.

Die Frage ist heute weniger, was in Sachen Überwachung geht – sondern vielmehr, was erlaubt ist. Und wahrscheinlich auch, was heimlich tatsächlich schon gemacht wird, obwohl es nicht erlaubt ist – von Kriminellen, von diktatorischen Regimen oder auch schlicht von Behörden zivilisierter Länder, die sich nicht an die Regeln halten. Der Fernseher, der das Wohnzimmer filmen und die Zuseher beobachten kann? Den gibt es längst. Und man hat auch schon von Fällen gehört oder gelesen, in denen sich integrierte Kamera und Mikrofon selbsttätig einschalteten und Daten über das Web an die Hersteller übermittelten, weil der Besitzer des TVGerätes diese Funktion nach dem Kauf nicht aktiv abgestellt hatte. Kameras in Laptops, die sich aktivieren, ohne dass man es merkt? Gibt es auch. In den USA wurde vor einiger Zeit ein Schuldirektor verurteilt, weil er auf diese Weise die Jugendzimmer seiner Schüler überwachte und kontrollierte, ob sie auch brav an ihren Hausaufgaben saßen.

Eine Behörde, die weiß, wo wir mit unserem Auto unterwegs sind und gerade einen Crash gebaut haben? Ist seit heuer sogar EU-Gesetz. Ein Computerprogramm, das weiß, für welches Produkt wir uns interessieren und ob wir gerade überlegen, es zu kaufen? Seit Facebook eine Selbstverständlichkeit. Die Krankenversicherung, die über die automatischen Lebensmittelbestellungen des vernetzten Kühlschranks via Internet weiß, wie gesund oder ungesund wir uns ernähren, und die das zur Berechnung der Prämienhöhe verwendet? Wird kommen. Und so weiter.

Überwacht wird, was das Zeug hält

Auch wenn das den meisten Menschen gar nicht bewusst ist: Wir werden längst einigermaßen lückenlos überwacht. Der Big Brother, Orwells „Großer Bruder“, ist Realität. So richtig begonnen hat das alles, als 2001 die Flugzeuge in das New Yorker World Trade Center krachten und der damalige US-Präsident George Bush den weltweiten „Krieg gegen den Terror“ ausrief. Auf der ganzen Welt wurden seit damals Behörden, Entwicklern, Geheimdiensten und Militärs immer mehr legistische Freiheiten eingeräumt, die sie auch fleißig nützen. Unter dem Deckmantel der Sicherheit entstanden unglaubliche Bespitzelungsnetzwerke und Überwachungsorganisationen. Das Teufelsprogramm „Echelon“ zum Beispiel, das es der amerikanischen NSA, der National Security Agency, ermöglicht, den weltweiten E-Mail-Verkehr auszuspionieren, kennt mittlerweile jedes Kind. Jeder Kleinkriminelle weiß inzwischen, dass er sein Handy zum Schauplatz des Verbrechens besser nicht mitnimmt, weil man ihm sonst per nachträglicher Funkortung seine Anwesenheit dort nachweisen kann.

Jedem Surfer selbst im unbedarftesten Pensionistenalter ist klar, dass über die seinem Computer zuordenbare IP-Adresse alles, was er im Netz treibt, registriert, gespeichert und damit rekonstruierbar gemacht wird. Kurz gesagt: Ganz alltäglich, ganz normal und vor allem ganz legal wird heutzutage national und international überwacht, was das Zeug hält.

Datenvernetzung als Killeranwendung

Die echte Tragweite ist unklar. Nur eine Minderheit wehrt sich. Über die Themen Bequemlichkeit, Sicherheit oder Serviceverbesserung lassen sich die Menschen vor allem in den Industrienationen, auch die Österreicher, derzeit fast alles verkaufen.

Fakt ist: Daten über die Bürger, die intimste und detaillierteste Schlüsse zulassen, gibt es inzwischen ohne Ende. Der Überwachung werden momentan am ehesten noch durch Vernetzungsverbote oder mangelnde Vernetzungsmöglichkeiten Grenzen gesetzt. Aber wenn einmal alle Behörden auf alle Daten Zugriff haben und diese untereinander auch verbinden und tauschen können, gibt es nichts mehr, was über ihre Bürger nicht in Erfahrung zu bringen ist. Trotz heftiger Proteste von Datenschützern schreitet diese Vernetzung voran. Jüngstes Beispiel: Die Sozialversicherungen dürfen schon demnächst auf Ausweisdaten aller Österreicher zugreifen – unter dem Vorwand, dass damit Missbrauch mit den e-cards verhindert werden soll. Auf den e-cards wird es ab 2019 ein Foto ihrer Besitzer geben, ohne dass die extra eines abliefern müssen. Die Sozialversicherung holt sich die Bilder einfach aus den Datensätzen des Innenministeriums. Vom Finanzministerium bekommt sie längst alles, was dort über das Einkommen jedes Steuerzahlers bekannt ist. Das Finanzministerium bekommt seinerseits längst und auf Knopfdruck alle Kontodaten der Bürger, das Bankgeheimnis ist abgeschafft. Und man ist wohl kein übertriebener Verschwörungstheoretiker, wenn man vermutet: Das ist nur der Anfang der wechselseitigen Datenvernetzung und damit der endgültigen Totalüberwachung. Jedenfalls sollte uns klar sein: Wir alle haben, selbst wenn wir als Einzelkinder geboren wurden, in der nahen Zukunft einen ständig präsenten großen Bruder. Und der hat ein wachsames Auge auf uns.

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