Chat and Pay.

Social-Media-Bezahl-Apps wie WeChat boomen im asiatischen Raum. Das eröffnet vor allem dem österreichischen Tourismus neue Potenziale bei Umsätzen und Kommunikation. Experten sehen bereits die Ablöse des traditionellen Bezahlverhaltens.

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Chatten, shoppen, bezahlen – und das mit einer App. In China ist das längst tägliche Praxis: Besonders in den urbanen Räumen der Volksrepublik ist WeChat – quasi das chinesische Whats- App – eine mehr als beliebte Form, um Einkäufe oder Restaurantbesuche zu bezahlen. Dabei teilen sich WeChat und Konkurrent Alipay den Markt 40 zu 60 Prozent. Alipay gilt mit 520 Millionen täglich aktiven Nutzern und 100 Millionen Transaktionen pro Tag als das weltweit größte Mobile-Payment-Netzwerk. Auch in Österreich gibt es bereits Sparten, in denen Bezahlen via Handy seit vielen Jahren gang und gäbe ist. Von dem Boom rund um WeChat und Alipay kann momentan aber nur die heimische Tourismusbranche profitieren.

350 Prozent mehr

Umsatz durch Alipay Rund 12,4 Millionen Chinesen besuchten Europa im Jahr 2017 – sie sind damit die größte reisende Nation. Und das dürfte sich auch so schnell nicht ändern: Laut WienTourismus sind Besucher aus der Volksrepublik mit 440.000 Nächtigungen und einer Wachstumsrate von 34 Prozent im Jahr 2017 bereits Wiens siebtstärkster Herkunftsmarkt. „Sie nächtigen vorwiegend in Vier- und Fünf-Sterne-Betrieben und brachten allein der Wiener Hotellerie 2017 einen Netto-Nächtigungsumsatz von 23,7 Millionen Euro“, erklärt Tourismusdirektor Norbert Kettner. Ein Markt, mit dem sich Touristiker also genauer beschäftigen. Was dabei schnell klar wird: Wenn es um chinesische Touristen geht, kommt man an mobilen Bezahlsystemen nicht vorbei. Als erstes heimisches Unternehmen implementierte Swarovski im September 2017 Alipay in das Kassensystem der Kristallwelten in Wattens sowie in den Stores in Salzburg und Wien.

„Chinesische Reisegruppen haben sehr wenig Zeit, deshalb sind digitale Bezahlsysteme eine beliebte, schnelle und smarte Lösung. Zusätzlich können sich Alipay-Kunden bereits im Vorfeld über die App über die Akzeptanzpartner in ihrer Nähe informieren. Auch dies sehen wir als großen Mehrwert für unsere Gäste“, erklärt Stefan Isser, Managing Director der D. Swarovski Tourism Services. Das System funktioniert einfach: Um zu bezahlen, wird ein Code auf dem Smartphone des Kunden gescannt und der Bezahlprozess gestartet. Der Kunde bestätigt den Einkauf mittels Eingabe seines Passworts und erhält einen Zahlungsbeleg. Ein Vorteil aus Marketingsicht: Über die Alipay-App haben Händler die Möglichkeit, spezielle Angebote an die User per Push-Nachricht zu senden, kurz bevor sie am Reiseziel ankommen. Technisch unterstützt werden Unternehmen, die Alipay implementieren, vom Payment-Service-Provider Wirecard. Axel Puwein, Director of Products & Innovations bei Wirecard CEE mit Sitz in Graz, führt aus: „Bisher war es so, dass Chinesen in Europa oft über nicht ausreichende Zahlungsmittel verfügten; sie mussten zum Beispiel erst Geld umwechseln und auch Kreditkartenzahlungen sind in der Volksrepublik ein wenig genutztes Zahlungsmittel.“ Dabei sei der durchschnittliche Warenkorb eines Chinesen deutlich größer, als der eines Europäers: „Der chinesische Tourist gibt im Schnitt 3.000 Euro im Rahmen seiner Reise aus.“ Mit dem Einsatz von Alipay habe man diese Lücke geschlossen. Laut Wirecard konnten Händler, die Alipay als Zahlungsmethode eingeführt haben, ihren Umsatz mit chinesischen Kunden in einem Jahr teilweise um mehr als 350 Prozent steigern. Denn das durchschnittliche Transaktionsvolumen bei einzelnen Händlern, die das beliebte Bezahlsystem der Volksrepublik anbieten, liegt bei rund 800 Euro.

China ist nicht Europa

Was aber bedeuten diese Zahlen für den österreichischen Markt? In erster Linie, dass sich die heimische Tourismusbranche bei einer Alipay-Implementierung auf zahlungskräftige Besucher aus dem Land des Lächelns freuen kann. Der Erfolg von Alipay und WeChat sei aber nicht eins zu eins auf Europa und schon gar nicht auf Österreich umzulegen, zeigt sich Puwein überzeugt: „Prinzipiell hat Asien beim Thema Mobile Payment einen Vorsprung, weil Alipay ein Bezahlsystem aus einem homogenen Markt heraus mit Social Media verknüpft und so ein ganzheitliches Ökosystem an mobilen Services geschaffen hat, in dem Konsumenten vieles Alltägliche erledigen können.“

Zudem habe der Umgang mit dem Thema Daten eine ganz andere Tradition: „In China besteht der Markt oft aus übergeordneten Lösungen, ohne auf lokale Rechtssituationen und Datenschutzverordnungen Rücksicht nehmen zu müssen.“ Nicht zuletzt finden Unternehmer in China andere Infrastrukturvoraussetzungen vor: „Bei uns wurden in puncto Bezahlsysteme viele Zwischenschritte eingeführt – zum Beispiel Bankomatkarten mit Chip oder NFC-Funktion, die es in China nicht gibt. Der asiatische Kunde zahlt gerne mit Barcode oder QR-Code, was im europäischen Markt bisher nicht in derselben Intensität der Fall ist.“ Ähnlich sieht das auch Misha Verollet, Head of Digital Strategy bei Virtue: „Alipay und WeChat Pay sind via Stripe in Österreich verfügbar, aber das hilft derzeit vor allem Unternehmen, die einen Einstieg in den chinesischen Markt suchen. Dass die Verwendung zunimmt, ist denkbar. Populärer sind aber Mobile-Payment-Optionen der hiesigen Banken sowie Anbieter wie Blue Code.“ Bei Letzterem handelt es sich um ein österreichisches Start-up, das ein ähnliches Service wie Alipay anbietet: So wird für jeden Einkauf eine einmalig nutzbare, vier Minuten gültige TAN auf dem Handy- Display erzeugt, die einen anonymen Zahlungsvorgang direkt vom Girokonto auslöst. Dazu müssen User die Blue- Code-App zuvor mit ihrem Konto verbunden haben. Die Lösung ist nach Aussage des Unternehmens an über 18.000 Kassen in ganz Österreich im Einsatz und deckt dabei rund 85 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels ab. Ein eigenes Terminal, wie etwa bei NFC-basierten Lösungen, benötigen Händler nicht.

Österreich: Systeme vorhanden

Klar sei aber, dass man sich als heimisches Unternehmen auch in puncto mobile Bezahlsysteme eine Strategie zurechtlegen müsse, sagt Verollet: „2017 besaßen zwei Drittel aller Österreicher ein Smartphone. Diese Zahl wird weiter steigen. Als Unternehmen sollte man sich also die Frage stellen: Wer sind meine Konsumenten? Wie ist ihr Nutzerverhalten? Wie interagieren sie mit meiner Brand, meinen Produkten, wie sieht der Kaufprozess aus? Wenn die Antwort Mobile Payments beinhaltet, sollte ein Unternehmen die Implementierung dringend in Betracht ziehen, da solche Zahlarten beim Kauf eine niedrigere Barriere im Prozess darstellen und Sales vereinfachen.“

Was oft wenig bekannt ist – Bezahlen via Mobiltelefon hat in Österreich bereits eine durchwegs lange Erfolgsgeschichte, weiß Puwein aus der Praxis: „Man denke nur an das Parkticket über das Handy oder auch Ticketing für öffentliche Verkehrsmittel.“

Nächster logischer Schritt

Dass diese Systeme über kurz oder lang auch über Social-Media-Apps laufen, sei laut Puwein „nur der nächste logische Schritt“ – gerade bei der Ansprache von jungen Zielgruppen. Klar sei hingegen noch nicht, welche Businesslösungen diverse Social-Media-Unternehmen entwickeln werden: „Bei Telegram kann ich schon Payment-Links einbauen und gewerblich nutzen, WhatsApp hat auf der anderen Seite dazu noch keine konkreten Abläufe geschaffen.“ Derzeit gibt es Tests mit WhatsApp-Payment in Indien – laut der Boston Consulting Group sollen dort bis 2020 über mobile Bezahlsysteme Transaktionen im Wert von über 500 Milliarden US-Dollar getätigt werden, das sind 15 Prozent des BIP. Damit können Geldbeträge an Freunde und Unternehmen überwiesen werden, als Dienstleister fungiert die National Payments Corporation of India, deren Bezahlsystem UPI (Unified Payments Interface) für die Abwicklung genutzt wird.

Wie und in welcher Form dieses Feature nach Europa beziehungsweise Österreich kommen könnte, darüber gibt es nur Spekulationen. Auch, weil die gesetzlichen Voraussetzungen hier ganz andere sind als in Indien. Über mobile Bezahlsysteme zerbricht man sich auch bei Facebook direkt den Kopf. Seit 2015 können Nutzer in den USA in der Messenger-App schon Geld senden und empfangen, seit vergangenem Jahr auch in Großbritannien und Frankreich. „Dabei handelt es sich aber noch um kein vollwertiges Bezahlsystem. Generell muss man in Österreich bis zum Rollout solcher Entwicklungen immer ein bisschen länger warten – aber Alternativen sind ja vorhanden“, meint Verollet von Virtue dazu.

Nicht auf Facebook warten

Auch der Wirecard-Experte ist überzeugt, dass man beim Bezahlen über Chat-Apps nicht auf etwaige Funktionen von Whats- App und Co. warten müsse: „Für einfache Bezahlvorgänge können wir einen Payment-Link generieren, der auf Papier gebracht werden kann, als QR-Code ausgegeben oder über einen Social-Media- Kanal verschickt wird. Das Trägermedium spielt dabei im Endeffekt keine Rolle“, erklärt er. Zum Beispiel biete Wirecard bereits über das Shopsystem SUPR an, dass Händler ihre Waren direkt über soziale Netzwerke verkaufen können. Am Ende des Tages handle es sich aber auch bei Social Media und Chat-Apps um einen Kanal von vielen, um den herum man seine Systeme – je nach Zielgruppe – entwickeln sollte, sagt Puwein. Wann und in welcher Form sich etwaige Anbieter durchsetzen werden, das sei schwer vorauszusehen.

Denn gerade in puncto Bezahlmethoden würden viele Konsumenten auf Bewährtes zurückgreifen: „Gelerntes Bezahlverhalten kann man nicht einfach über Bord werfen, es gibt viele verschiedene Bezahlmethoden in Europa und unterschiedliche Zahlungsmittel.“ Ähnlich dazu auch Verollet: „Menschen sind gegenüber neuen Technologien häufig zunächst skeptisch. Gleichzeitig haben sie es aber auch gern bequem, und der Hang zur Bequemlichkeit überwiegt in der Regel – zumal neue Generationen nachwachsen, die mit dieser Art des Bezahlens aufwachsen werden. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass Mobile Payments binnen der nächsten fünf Jahre zu einem weitverbreiteten Standard neben Bankomat und Kreditkarte werden.

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